Deutschland

Regierung setzt auf befristete Stellen

Alles, was unter dem Stichwort Flexibilisierung verkauft wird, ist am Ende schlecht für die Beschäftigten. Das ist mit einer Ausweitung befristeter Beschäftigung nicht anders als mit der Wochenarbeitszeit. Aber es gibt auch langfristige Folgen.
Regierung setzt auf befristete Stellen© Urheberrechtlich geschützt

Das soll Arbeitsplätze bringen: Grundlos befristete Stellen sollen künftig für insgesamt vier statt für zwei Jahre möglich sein. Die Arbeitgeberverbände jubeln, reden von der "ersten echten Flexibilisierung des Arbeitsrechts seit Jahrzehnten" (BDA) und halten dieses Ergebnis für einen "maßvollen Kompromiss" (Manfred Gößl, BIHK).

Eine Sicht, die alles andere als unumstritten ist. Die Gewerkschaften halten das für eine falsche Maßnahme. Vier Jahre lang in einer Art verlängerter Probezeit? Aktuell erfolgt bereits ein Viertel der Neueinstellungen auf befristeten Stellen. Dabei sind nicht alle Befristungen ohne Sachgrund: So wird beispielsweise von deutschen Gerichten akzeptiert, dass Schulen Lehrer vielfach nur noch von Schuljahresbeginn bis Anfang der Sommerferien einstellen, weshalb sie sich dann in den Sommerferien arbeitslos melden müssen. Manche Lehrkräfte befinden sich bis zu zehn Jahre in solchen Arbeitsverhältnissen, weil es bei der begründeten Befristung keine zeitliche Obergrenze gibt.

Insgesamt sind Befristungen neben Bildung und Wissenschaft vor allem im Gesundheits- und Sozialwesen, im Kultur- und Medienbereich und im öffentlichen Dienst üblich – alles eigentlich keine Bereiche, die unmittelbar mit wirtschaftlicher Konkurrenzfähigkeit zu tun haben. Die Ausnahme dabei sind IT-Betriebe und Start-ups, die häufig projektbezogen einstellen und hier sogar auf Sonderregelungen zurückgreifen können, die ihnen bereits bisher schon Befristungen für bis zu vier Jahren erlaubten. Betroffen sind vor allem Beschäftigte unter 35 Jahren.

Zu einem Zeitpunkt, zu dem massiv in verschiedensten Bereichen der Industrie Stellen abgebaut werden und auch die öffentliche Hand alle Methoden des Sparens nützt, ist das Risiko vergleichsweise hoch, dass eine Ausweitung der Befristung zur Umwandlung bisher fester Stellen in befristete führt. Die Einführung der grundlosen Befristung im Jahr 2001 traf mit einer Zunahme der Arbeitsplätze zusammen, aber eine kausale Verbindung ist ausgesprochen zweifelhaft – schließlich folgten auf die Finanzmarktkrise 2008 einige Jahre einer massiven Ausweitung der deutschen Exportwirtschaft; der nächste Einbruch erfolgte erst 2020.

Eine Wirkung aber steht jedenfalls fest: Jede Verlängerung befristeter Einstellungen zögert die Familienphase ein Stück weiter heraus, die in Deutschland ohnehin mit einem Durchschnittsalter bei der Geburt des ersten Kindes von 29,9 Jahren vergleichsweise spät liegt. Hier ist die Korrelation nachweisbar: In Ländern mit einem hohen Anteil befristeter Verträge wie Spanien, Italien, Portugal, den Niederlanden und Polen liegt das Erstgeburtsalter deutlich höher als in den skandinavischen Ländern und jenen osteuropäischen Ländern, in denen der Anteil befristeter Arbeitsverhältnisse niedrig und der Kündigungsschutz stark ist. In diesem Spektrum liegt Deutschland aktuell im Mittelfeld.

Aber die Folgen für die kommende Generation Arbeitskräfte interessieren in Deutschland schon lange nicht mehr.

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